Rocky tanzt den Rumba

geschrieben von Birgit Baldauf

Autorin: Birgit Baldauf

Irgendwie war es schon ein komischer Zufall, dass die beiden hier nun aufeinander trafen. Lange waren sie schon unterwegs unter der Sonne Spaniens – aber eben nicht gemeinsam.

Erfahrungen hatten sie beide bereits zuhauf sammeln können – schöne, aber auch einige gefährliche Situationen hatten sie schon meistern müssen. Manche davon hatten sich unwiederbringlich in ihre Köpfe gebrannt – und manche hatten sich in stattlichen Narben in ihrem Fell verewigt.

Und hier standen sie sich nun gegenüber auf dieser Lichtung. Das Zirpen der Grillen und die flirrende Hitze vereinigten sich mit dem Geruch des Pinienwaldes zu einer unverkennbaren Atmosphäre. Der markante Duft des jeweiligen Gegenübers wurde von der Wärme und dem leichten Wind direkt in die empfindlichen Nasen der beiden Hunde getragen. Ihre Augen trafen sich und verharrten.

Rumba war ein eindrucksvolles Exemplar – gut doppelt so groß wie Rocky. Er hatte nichts Bedrohliches und war dennoch von einer Präsenz, die keine Zweifel offenließ.
Die schwüle Brise zog über sein dichtes, hellbraunes Fell und stellte es leicht auf. Seine aufmerksamen, bernsteinfarbenen Augen wirkten dadurch noch wacher. Und – und das war der beachtlichste Punkt für Rocky – die Anzahl der Mitglieder seines Rudels, die sich hinter ihm einfanden, war beeindruckend. Ebenso beeindruckend wie die Tatsache, dass sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Was sie aber offenbar alle einte, war die Ruhe und Überzeugung, mit der sie hinter ihrem Rumba standen.

Nach einigen Minuten des Beobachtens senkte der braun gefleckte Rocky langsam seinen kleinen Kopf und reckte ihn leicht Richtung Rumba. Längst hatte seine Neugier die Anspannung besiegt und er wagte sich näher an Rumba heran. Dieser ließ ihn gewähren – selbst als Rocky begann, die Situation und Rumba mit seiner Nase zu lesen.

„Ihr seid eine erstaunlich bunte Truppe“, sprach Rocky. „Ja“, erwiderte Rumba, „und fünf fehlen sogar gerade. Die sind unterwegs zum Essen holen.“ „Warum macht Ihr das nicht gemeinsam?“ „Es hat sich herausgestellt, dass vier das am besten können. Zwei sind unsere Jagdspezialisten und die anderen beiden sind im Dorf bei den Frauen sehr beliebt und bekommen dort immer etwas zugesteckt. So haben wir eine gute Mischung aus leckeren Sachen. Außerdem begegnet man uns im Dorf eher feindlich, wenn wir alle zusammen auftauchen.“

„Und die vier dort hinten?“ fragte Rocky mit einem etwas abschätzigen Blick auf vier Hunde, die scheinbar faul in der Sonne lagen und schliefen. „Die sind wohl nicht so recht motiviert, was?“ „Oh, die solltest Du mal bei Nacht sehen“ entgegnete Rumba. „Das ist unsere Patrouille. Sehr praktisch – zwei von Ihnen sind Spezialisten für Wälder und Wiesen und wenn wir in bergiges Gebiet kommen, sind die beiden anderen unsere ‚Berglöwen‘, die alle Gefahren ausmachen und bannen“.

Rocky war beeindruckt. Scheinbar hatte jedes Tier im Rudel seine Aufgabe. Egal wie schräg oder anders es aussah oder sich benahm, jeder konnte etwas anderes besonders gut. Sogar eine kleine, weiße Hündin – kaum größer als ein Hase – hatte ihre Aufgabe. Sie wirkte eigentlich ziemlich zurückhaltend und schüchtern. Rumba erklärte, dass sie besonders gut darin sei, Wasserquellen aufzuspüren, was dem Rudel schon des Öfteren das Leben gerettet hatte.

Rocky beneidete Rumba und war zugleich voller Bewunderung. Bisher war Rocky alleine unterwegs gewesen, musste sich durchschlagen und das Überleben oft hart erkämpfen. Häufig hätte er Unterstützung brauchen können – beim Jagen, Wachen, oder einfach nur, um Gesellschaft zu haben. Die meisten wilden Hunde, denen er bisher begegnet war, waren ebenfalls Einzelgänger und eigentlich nur darauf aus, selbst durchzukommen. Aber dieser Rumba hatte offensichtlich die Gabe, die Talente der verschiedenen Hunde zu erkennen, ihnen klar zu machen, dass sie alle voneinander profitieren können und im Rudel zu vereinen.

Und wie Rocky so vor sich hin schwärmte, kamen vier Hunde mit etlichen kulinarischen Genüssen im Maul Richtung Rudel getrabt. Sie legten sie ab und ließen zunächst Rumba essen. Dann aß der Rest des Rudels. Nach einer Weile kam auch der fehlende fünfte Hund zum Rudel zurück. Stolz präsentierte er seine Beute, die er Rumba vor die Füße legte: ein Büschel Sonnenblumen. Rumba schnaubte und schubste den kleinen dann Richtung Essen, damit auch er satt wurde.

„Was kann er besonders gut?“ fragte Rocky verwundert. „Ach“, entgegnete Rumba, „ich glaube das weiß er selbst nicht so recht. Aber er gibt sich redlich Mühe. Er ist überall dabei, aber meistens hinterher, übereifrig oder völlig daneben. Wenn ich so recht überlege, kann er eigentlich nichts so richtig“, brummte Rumba. „Aber irgendwie hat er dann doch eine sehr wichtige Aufgabe: an ihm kann ich wirklich am besten meine Gelassenheit üben.“

Als Rocky an diesem Abend an der Seite von Rumba und gemeinsam in seinem neuen Rudel einschlief, träumte er davon, dass ja eigentlich die ganze Welt ein harmonisches Rudel sein könnte. Und er war überzeugt, dass das möglich wäre – wenn nur alle ein wenig mehr Rumba im Blut hätte.

© Birgit Baldauf

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