Vertrauen – Du zuerst!

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„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ sagte einst der russische Politiker Lenin.
Aber was ist dran an dem Spruch?
Wie würde es Dir gehen, wenn Du immer alles kontrollieren müsstest – um zu vertrauen?
Ist es dann überhaupt noch Vertrauen?

Vertrauen hat mehrere Facetten:

Vertrauen in sich selbst, Vertrauen in den Lauf der Dinge und Vertrauen in andere Personen. Letzteres lässt sich noch einmal unterteilen in Vertrauen in Personen, die wir kennen oder mit denen wir in einer Beziehung stehen und dem Grundvertrauen in das „Gute im Menschen“ in Situationen mit Menschen, die wir nicht kennen.

Erwiesen ist, dass Vertauen ein wichtiger Faktor für die eigene Zufriedenheit und das Lebensglück ist.
Wer nicht in der Lage ist, zu vertrauen, kann nicht entspannen.
Wer nicht entspannen kann, kann nicht glücklich sein.

Natürlich wird der Umfang unseres Vertrauens auch von bisherigen Erfahrungen beeinflusst. Forscher haben herausgefunden, dass es 5 vertrauensvolle Erfahrungen braucht, um eine Mißtrauenserfahrung auszugleichen. Damit dies funktioniert, müssen wir uns aber trotz enttäuschtem Vertrauen erneut auf Situationen einlassen, die anderen die Möglichkeit geben, Ihre Vertrauenswürdigkeit unter Beweis zu stellen. Obwohl wir also schon einmal eingebrochen sind auf der Eisfläche, müssen wir uns wieder auf sie begeben, um zu erfahren, dass sie auch halten kann.
Grundsätzlich ist Vertrauen also eine innere Haltung, für die man sich entscheiden kann – trotz der Erfahrung des betrogen worden Seins.

Da wir allerdings von Natur aus darauf gepolt sind, eher zum Misstrauen zu neigen, ist die Gefahr sehr groß, dass wir nach uns einer schlechten Erfahrung in unserem Misstrauen bestätigt fühlen und uns fortan nicht mehr aufs Eis begeben – uns also selbst weiterer positiver Erfahrungen berauben.
Hier erneut eine vertrauensvolle Haltung zu generieren ist durchaus eine große Aufgabe.

Zuversichtlich stimmen mich aber folgende Erkenntnisse aus der Wissenschaft:

  • Es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass man nicht über’s Ohr gehauen wird, wenn man anderen Menschen zuerst Vertrauen entgegenbringt. Wir Menschen handeln sehr kontextabhängig. In einem eher von Misstrauen geprägten Umfeld werden wir ebenfalls Skepsis zeigen. Wenn wir allerdings in Bezug auf das Verrauen in anderen in Vorlage gehen, schaffen wir ein vertrauensvolles Umfeld, was die Wahrscheinlichkeit steigert, dass unser Gegenüber das Vertrauen erwidert. Da mag unter anderem daran liegen, dass das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet wird, wenn uns Vertrauen entgegengebracht wird. Vertrauen schafft Vertrauenswürdigkeit.
  • Die meisten Menschen sind misstrauischer, als sie es sein müssten.
  • Die meisten Menschen sind vertrauenswürdiger als wir sie einschätzen.

Folgende Experimente bestätigen dies:

Das „Wallet Drop Experiment“ des Toronto Star in Kanada:
Für das Experiment wurden in Toronto innerhalb von 14 Tagen 20 Brieftaschen mit $ 200 und der Adresse des Besitzers darin an verschiedenen Orten in der Stadt absichtlich liegengelassen. Bevor Du weiterliest – was schätzt Du, wieviele Brieftaschen dem Besitzer zurückgegeben wurden?
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Auf die selbe Frage antworteten die meisten Menschen mit durchschnittlich 2,3 – also einer 10% Rückgabequote. Tatsächlich wurden aber 16 der 20 Brieftaschen mit vollem Inhalt an den Besitzer zurückgegeben – was einer Rückgabequote von 80% entspricht.

Und hier noch das zweite, wissenschaftlichere Experiment, das aus einer Reihe von „Trust Game Studien“ stammt.
Stell Dir folgendes Szenario vor:
Du nimmst mit einer weiteren Person an einer Studie teil. Ihr seid in verschiedenen Räumen und lernt Euch nie persönlich kennen. Du und die andere Personen bekommen jeweils 10 EUR. Du musst Dich nun entscheiden, ob Du Dein Geld Deinem Spielpartner zukommen lassen willst. Wenn nicht, endet das Spiel und Ihr geht beide mit 10 EUR nach Hause. Wenn Du Deinem Partner das Geld zukommen lässt, legt der Spielleiter den vierfachen Betrag oben drauf und Dein Partner bekommt 50 EUR. Dieser hat nun wiederum die Chance, mit diesen 50 EUR zu gehen – oder sie mit Dir zu teilen.
Ersteres würde bedeuten, Du gehst absolut leer aus (Verlust 10 EUR), letzteres, dass Du mit 25 EUR statt 10 EUR nach Hause gehen kannst.
Wie würdest Du Dich entscheiden?
Würdest Du die 10 EUR nehmen oder das Risiko eingehen, und Deinem Partner das Geld zukommen lassen?
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Für wie wahrscheinlich hältst Du es, dass Dein Spielpartner mit den 50 EUR von dannen zieht, wenn Du ihm das Geld zukommen lässt?
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Die Studie hat gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit hierfür nur bei 5% liegt! Tatsächlich haben 95% der Teilnehmer die 50 EUR mit ihrem Spielpartner geteilt.

Menschen, denen wie Vertrauen entgegenbringen reagieren also ihrerseits mit vertrauenswürdigem Verhalten.

Wie kann es uns also gelingen, zukünftig häufiger pro-aktiv Vertrauen zu schenken, um positive Erfahrungen zu machen — und gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, betrogen zu werden?

Die Lösung liegt darin, die Balance zu finden, den Sweet Spot, zwischen zu wenig Vertrauen (und damit einhergehend dem Verzicht auf positive Erfahrungen und wirkliche Bindung) und zu viel/blindem Vertrauen (was eine hohe Wahrscheinlichkeit mit sich bringt, negative Erfahrungen zu machen).

Diese Balance nennt man intelligentes Vertrauen.
Intelligentes Vertrauen bedeutet:

  1. Vom Herzen aus mit einer grundsätzlich vertrauensvollen Haltung an Menschen und Situationen heranzugehen,  dabei aber relevante Informationen und Fakten zu berücksichtigen und zu analysieren. D.h. das Herz mit dem Kopf auszubalancieren.
  2. Dich daran zu erinnern, dass Menschen in der Regel vertrauenswürdiger sind, als Du denkst!
  3. Aufs Eis gehen: bewusst Situationen wahrzunehmen und möglich zu machen, in denen Du pro-aktiv Vertrauen schenkst und Menschen die Chance gibst, vertrauenswürdig zu handeln. Du erschaffst so ein vertrauensvolles Umfeld, dass es wahrscheinlich macht, dass Du positive Erfahrungen machst – was wiederum Dein Vertrauen stärkt.
  4. Mach es Menschen leicht, Dir gegenüber vertrauenswürdig zu handeln – geh in Vorlage und sei sympathisch, empathisch, authentisch und gut.
  5. Entziehe Deiner natürlichen Tendenz zum Misstrauen das Futter, indem Du Dich weniger negativen Schlagzeilen aussetzt und stattdessen versuchst, ein Gleichgewicht in Deinen geistigen Input zu bekommen: Ziehe am Ende des Tages mal Bilanz, was alles positiv war und wo Menschen vertrauenswürdig gehandelt haben. Suche bewusst nach positiven Schlagzeilen (z.B. bei goodnews.eu)
  6. Führe Dir die Vorteile von pro-aktivem Vertrauen vor Augen: positive Erlebnisse, echte Verbundenheit und eine gute Investition in eine bessere Gesellschaft!
  7. Und wenn es doch schiefgegangen ist? Übe Dich im Verzeihen und im Perspektivenwechsel. Manchmal jammern wir auf hohem Niveau. Wahrscheinlich geht es Dir insgesamt trotz der schlechten Erfahrung materiell noch ziemlich gut im Vergleich zu anderen Menschen. Erinnere Dich an die vielen positiven vertrauensvollen Erlebnisse. Außerdem: ziehe die Person, die Dein Vertrauen missbraucht hat, zur Verantwortung, d.h. versuche, zu verstehen und daraus zu lernen und handle klar und konsequent – aber ohne „Rachegedanken“.

Vertrauen wird in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen – nicht nur in Bezug auf zwischenmenschliche Begegnungen, sondern auch in Bezug auf allgemeine Entwicklungen.

Je komplexer eine Situation ist, desto mehr intelligentes Vertrauen ist nötig, um handlungsfähig und glücklich zu bleiben.

Und an Komplexität mangelt es uns nun wahrlich nicht.

Aber Du schaffst das, ich vertrau Dir! 🙂

Sei gut zu Dir,

Deine Birgit

Quellen:
Steven M.R. Covey, „Smart Trust: Creating Prosperity, Energy, and Joy in a Low-Trust World“
Dr. Raj Raghunathan, „If you are so smart why aren’t you happy?“

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