Beginne mit dem Ende im Sinn

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Für jemanden, der über Happiness und Wohlbefinden schreibt, mag dieser Artikel etwas ungewöhnlich sein.
Vielleicht auch nicht jedermanns Sache.
Aber ziemlich wirkungsvoll, wenn du Dich darauf einlässt.

Die Überschrift meines heutigen Artikels ist ein Zitat von Stephen R. Covey. Es kam mir in den letzten Tagen wieder in den Sinn, als ich mir Gedanken darüber gemacht habe, wem und was wir wieviel Raum und Zeit in unserem Leben einräumen.

Bei meiner kleinen Auszeit neulich bin ich auch an einem Friedhof vorbei gekommen und habe mich dort einfach mal eine Zeit lang auf einer Bank niedergelassen. Da waren viele Gräber von Menschen, denen das Leben 80 Jahre und mehr geschenkt hat. Aber auch eines von zwei Brüdern, die im Alter von 17 und 18 verstorben waren.

Spontan kam mir der Gedanke, dass wir oft leben, als hätten wir noch ewig Zeit.

Und dass wir uns mit unserer Endlichkeit nicht so gerne auseinander setzen. Aber wie soll ich einen „guten Zieleinlauf“ haben, wenn ich verdränge, dass irgendwann die Zielflagge wehen wird?

Das brachte dann gleich die nächsten Fragen hoch:

Was wäre ein „guter Zieleinlauf“ für mich?
Was, wenn die Flagge morgen wehen würde?
Oder in einem Jahr?
Was müsste passiert sein oder noch passieren, damit ich sagen kann, ich kann in Frieden gehen, ich hatte ein gutes Leben?
Und – wieviel davon passiert gerade in meinem Leben oder habe ich schon in die Hand genommen?

Zu schnell sind unsere Tage, Wochen und Jahre „voll“. Berufliche und private Verpflichtungen, allerlei Aktivitäten … Manches davon wählen wir bewusst, bei manchem habe wir keine Wahl und dann gibt es da noch die vielen Kleinigkeiten, die sich so heimlich reinschleichen.

Für mich war nach einigem Nachdenken klar, ich möchte am Ende möglichst wenig „Hätte-Ich-Doch“ übrig haben.

Die Frage ist doch: haben wir am Ende des Tages, der Woche, des Jahres den Menschen und Aktivitäten ausreichend Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt, die uns wirklich wichtig sind?

Weißt Du, was Dir wichtig ist?

Um den Fokus für das „gute Leben“ richtig zu setzen, kann Klarheit in folgenden vier Aspekten helfen:

1. Was ist mir wichtig? – Kennst Du Deine Werte?

Dem, was Dir wichtig ist, kommst Du am besten über Deine Werte auf die Spur.  Werte sind eng verknüpft mit Deinen Überzeugungen, Idealen, Bedürfnissen und Deiner inneren Haltung. Sie sind  wichtig, um schnell nach unserer Definition richtige Entscheidungen treffen zu können und liefern uns Motivation und Orientierung. Stell sie Dir wir Leitsterne am Himmel vor. Immer da – auch wenn sich ab und zu mal eine Wolke davor schiebt. Wenn uns ein Leben im Einklang mit unseren Werten gelingt, fühlt es sich stimmig, richtig und gut an. Werte können sich im Laufe des Lebens aufgrund von Erfahrungen oder neuen Prioritäten (wie z.B. bei Elternschaft) auch ändern. Deshalb ist es gut, sie immer mal wieder zu überprüfen.

Deinen 3 wichtigsten Werten kannst Du mit folgender Audio Übung (in der Browseransicht) auf die Spur kommen:

Audio Übung zur Werte-Ermittlung

Eine Werteliste habe ich Dir ebenso beigefügt – ergänze Sie aber gerne, falls Deine Werte nicht aufgeführt sind:

Nimm Dir für die Übung ca. 10-15 Minuten Zeit.

Alternativ gibt es hier eine weitere Möglichkeit, Deine 3 wichtigsten Werte zu ermitteln:
https://einguterplan.de/werte-test

2. Wie lebe ich, was mir wichtig ist? – Woran kannst Du erkennen, dass Du Deine Werte lebst?

Wenn Du Deine wichtigsten Werte ermittelt hast, bist Du schon einen großen Schritt weiter. Nun sind die Werte auf dem Papier erst einmal nur große Worte. Die Frage ist aber, was bedeuten sie im täglichen Leben? Wie äußern sie sich?

Wenn Du 5 Personen fragst, wie sie z.B. Ehrlichkeit definieren, bekommst Du wahrscheinlich 5 verschiedene Antworten. Bedeutet Ehrlichkeit, immer alles zu sagen – egal welche Folgen es haben könnte? Bedeutet andererseits, etwas nicht zu sagen, unehrlich zu sein?

Hier ist es wichtig, dass Du Deine Definition findest.
Woran erkennst Du, dass Du Deine Werte lebst? In welchem Verhalten und Handeln spiegeln sich Deine drei Werte wieder? Mit wem oder was und wie müsstest Du Zeit verbringen, wenn Du den Fokus auf sie legst? Schreibe Dir für jeden Deiner Werte eine Definition und mindestens drei Verhaltensweisen / Handlungen auf

3. Wo stehe ich im Moment? – Hand auf’s Herz!

Die Frage ist jetzt: was davon findet schon so wie in Punkt 2 in Deinem Leben statt? Bei diesem Schritt ist es besonders wichtig, dass Du ehrlich zu Dir selbst bist – auch wenn es an der ein oder anderen Stelle vielleicht zu ernüchternden Erkenntnissen kommt … Diese Erkenntnisse sind wichtig, um mit Schritt vier Änderungen in die Wege zu leiten.

4. Was ist zu tun? – Segel setzen!

Mit Blick auf Schritt 2 und 3 sollte es nun einfach sein, Deinen Kurs – wenn nötig – so zu verändern, dass Du in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten Deinem „guten Leben“ ein bisschen näher kommst. Was willst Du ändern? Wem oder was willst Du mehr Zeit widmen? Was möchtest Du anders machen?

Mit dem Ende im Sinn zu starten mag ein ziemlich heftiger Ansatz sein – aber die Kräfte, die täglich an uns ziehen, sind auch nicht zu unterschätzen. Und nur, wenn wir uns wirklich klar sind, was uns wichtig ist und uns bewußt sind, dass wir nicht ewig Zeit haben, kommen wir ins Handeln – und in ein Handeln im Sinne dessen, was jeder von uns für sich als ein gutes Leben definiert.

Auf eine WERT-volle Woche!

Deine Birgit

Referenz: Stephen R. Covey, 7 Habits of Highly Effective People

Ehre Deine Narben und Fältchen

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Letzte Woche habe ich mir eine Auszeit genommen. Komplett offline, Handy aus und eintauchen in die Natur. Wandern mit Karte – so echt aus Papier 😉 –  und aufmerksames Wahrnehmen der Eindrücke um mich herum. Erstaunlich, wieviele Wegpunkte und Merkmale die Natur bereit hält, um sich daran zu orientieren.
Ein schönes und intensives Erlebnis.

Besonders beeindruckt hat mich auf einer meiner Touren ein stattlich gewachsener, sehr hoher, alter Baum. Ich glaube, es war eine Buche. Sie hatte einen Stamm, der so hoch war, dass ich meinen Kopf weit in den Nacken legen musste, um Ihre Blätterkrone zu sehen, die oberhalb der meisten Bäume um sie herum in der Sonne wiegte.

Was mich aber noch mehr beeindruckte, als die Größe dieses Baumes, war seine Rinde. Sie war dunkel und fest, mit Furchen, Erhebungen und Nischen. Die Spuren der Jahre und des Wetters hatten eine ungleichmäßige und dennoch harmonische Struktur auf ihr hinterlassen. Ich ließ meine Finger darüber gleiten und entdeckte, dass sich in den Furchen und Nischen Spinnen und andere Insekten ein Zuhause eingerichtet hatten.

Das ließ mich schmunzeln und daran denken, wie doch die Spuren, die das Leben hinterläßt, ihren Nutzen haben können.

Sind nicht auch die Narben und Fältchen, die wir uns im Laufe der Zeit zuziehen, ein Zeichen dafür, dass wir dem Leben ausgesetzt waren?

Und ist nicht mit jeder Narbe auch eine Erfahrung verbunden, aus der wir selber lernen konnten und die wir auch an andere weitergeben können – die uns also, trotz des Schmerzes, den wir vielleicht empfunden haben, als wir sie uns zuzogen, ein Stückchen weiser und stattlicher macht?

Natürlich möchte niemand sich bewußt Narben zuziehen oder Erfahrungen machen, die Schmerzen, graue Haare und Sorgenfalten bescheren.
Aber wenn wir uns wagen, uns dem Leben auszusetzen, uns dem Sturm und dem Feuer ebenso zu stellen wie dem Sonnenschein, dann bleiben die Folgen nicht aus. Ob sie uns allerdings älter oder lebendiger machen, liegt an uns.

Wenn es uns gelingt, versöhnlich und mit einem Schmunzeln auf die Spuren zu blicken, die unsere Erfahrungen hinterlassen haben, wenn wir sie als Zeichen dafür sehen, was wir alles geleistet und bewältigt haben und wir beginnen, dankbar für das zu sein, was sie uns gelehrt haben, dann werden sie plötzlich schön, die „Spuren des Lebens“ (an uns und an anderen!). Denn

„Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“
Christian Morgenstern

Und oft gelingt es uns dann auch viel besser, mit den Ereignissen, die uns die Narben zugefügt haben, Frieden zu schließen, sie als Teil von uns anzunehmen, ohne uns länger darüber zu grämen oder sie als Rechtfertigung für weitere Ereignisse, die uns nicht gut tun, immer wieder aufleben zu lassen.

Lasst uns mit Liebe und Respekt auf die Furchen und Nischen in unserer körperlichen und seelischen Rinde schauen und den Erfahrungsschatz, den sie uns beschert haben, für uns und andere einsetzen.

„Der Sinn des Lebens liegt nicht in unseren Erwartungen an es, sondern in den Aufgaben, die es uns schickt.“
Victor Frankl

Auf eine sinnvolle Woche voller Leben!

Deine Birgit

Emotionale Nacktheit

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Fühlst Du Dich manchmal von Deinem Gegenüber nicht verstanden?
Willst Du so gesehen und geliebt werden, wie Du bist?
Dann mal eine etwas provokative Frage: Zeigst Du Dich denn so, wie Du bist?

Wenn wir wirkliche Verbindung wollen, müssen wir es zulassen, wirklich gesehen zu werden.
– Brené Brown

Und den Mut haben, uns voll und ganz zu zeigen und einzulassen.

Dazu ist es notwendig, dass wir uns erstmal selbst bewußt darüber sind, was in uns vorgeht – und uns dann trauen, das auch zu äußern.
Mit guten Gefühlen gelingt uns das meist leicht.
Haarig wird es, wenn es uns nicht gut geht. Das Gefühl alleine ist schon blöd – und jetzt sollen wir uns so geschwächt auch noch verletzlich zeigen?

Gerne greifen wir dann auf Strategien zurück, die zwar so aussehen, als wenn wir über uns sprechen – in Wahrheit aber von uns ablenken. Sie sind verführerisch, denn sie versetzen uns kurzfristig in ein besseres Gefühl. Langfristig entfernen sie uns emotional aber immer weiter voneinander.

Eine dieser Strategien ist, unser Gefühl und die Kommunikation zu versachlichen. Statt „ich bin unsicher, was das bedeutet.“ sagen wir z.B. so etwas wie „die Situation läßt viele Fragen offen.“
Ich hatte da neulich so ein Aha-Erlebnis, als ich jemandem in einer Nachricht mitteilen wollte, wie es mir geht. Eine Freundin las, was ich geschrieben hatte und meinte: „Das klingt, wir ein Geschäftsbrief. Schreib doch mal wirklich darüber, was in Dir vorgeht – so wie Du es fühlst, nicht so formell. Mach Dich nackig.“
Erst habe ich’s gar nicht kapiert. Aber als ich die Nachricht nochmal durchlas, wurde mir schlagartig bewusst, was sei meinte. Wohldurchdacht formuliert. Um nicht zu sagen bis ins letzte Wort kontrolliert formuliert.
Und als ich anfing, umzuformulieren, merkte ich das Unbehagen in mir aufsteigen. Interessanter Moment – und sehr wertvoll, weil mir nicht nur bewusst wurde, was ich empfinde – sondern auch, wovor ich Angst habe.

Eine andere Strategie ist, dass wir unser schlechtes Gefühl in einen Vorwurf an den anderen verpacken.
Den anderen verantwortlich zu machen ist leichter, als sich verletzlich zu zeigen.
Gar nichts zu sagen und zu erwarten, dass der andere ja spüren muss, wie es einem geht, gehört übrigens auch in diese Kategorie.
Statt „Ich vermisse, dass Du Fragen stellst.“ sagen wir dann so etwas wie „Ich wünsche mir, dass Du mehr Interesse an mir zeigst.“ Ohne den anderen zu fragen, haben wir das Ausbleiben von Fragen als Desinteresse interpretiert. Wen wundert’s da, wenn unser Gegenüber eher defensiv als empathisch reagiert?

Dass es uns nicht leicht fällt, uns zu öffnen, ist normal und kann unterschiedliche Gründe haben:

  • Das Maß an Vertrauen, das wir zu den Bezugspersonen unserer Kindheit aufbauen konnten
  • Unser generelles Maß an Urvertrauen und Vertrauen ins Leben
  • Unser Menschenbild
  • Angst vor Zurückweisung
  • Angst vor Verletzung
  • Bisherige Erfahrungen

Aber ob wir diese Gründe als Rechtfertigungen heranziehen, um alles so zu lassen wie es ist oder ob wir uns trauen, den Schritt ins Unbekannte zu wagen und zu lernen, liegt an uns.

„Wer immer nur das tut, was er immer getan hat, wird nur das bekommen, was er immer bekommen hat. “
– Henry Ford.

Falls Du Dich in Deinen Beziehungen nach mehr Klarheit, Verbundenheit und Empathie sehnst, dann lohnt es sich, Dir diese drei Aspekte mal etwas genauer anzuschauen:

  1. Emotionales Selbst-Bewußtsein (Klarheit): Bist Du Dir bewusst, was Du fühlst? Was Du vermisst? Kannst Du es benennen? Kannst Du es annehmen?
  2. Mut zum Risiko: Hast Du den Mut, darüber zu sprechen? Und wenn ja ..
  3. Sprich von Dir: Wie äußerst Du es? Sprichst Du von Dir oder verfällst Du in eine der Strategien?

Es stimmt, sich öffnen, sich „emotional nackig zu machen“, macht Angst, macht verletzlich, ist ein Risiko.
Den Mut dazu zu haben, signalisiert Deinem Gegenüber aber auch Vertrauen.
Und genau dieses Vertrauen schafft wirkliche Nähe und echte, tiefe Verbindung.

Ich finde, dafür lohnt es sich.

Eine mutige Woche Dir.

Deine Birgit

Die Fliege am Fenster

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Ich liebe es, im Sommer die Fenster und Türen offen zu lassen. Frische Luft in der Wohnung, das Draußen ein bisschen nach drinnen holen.

Leider trifft das auch auf allerlei Getier zu, dass dann im Laufe des Tages durch meine Räume fliegt.
Als ich dann neulich einer Fliege in meiner Küche dabei zusah, wie sie beim Versuch, wieder nach draußen zu gelangen, immer und immer wieder am schräg gestellten Fenster abprallte, obwohl die Terrassentür direkt daneben weit offen stand, habe ich mich ertappt gefühlt.

Geht es uns nicht manchmal auch so?

Voller Überzeugung von etwas holen wir uns eine blutige Nase. Das muss doch klappen. Der muss mich doch verstehen. Das ging doch beim letzten Mal auch. Und anstatt innezuhalten, zu überlegen, zu lernen, zu hinterfragen machen wir gleich nochmal einen Anlauf. Vielleicht klappts ja, wenn wir nur kräftiger einschlagen? Oder öfter? Oder überzeugter?

Manche Fliegen schaffen es nicht.
Sie liegen dann am Morgen danach der Erschöpfung erlegen auf meinem Fensterbrett.
Es ist aber nicht so, dass alle Fliegen das selbe Schicksal erleiden.
Es gibt auch erfolgreiche.
Das sind meistens die, denen es gelingt, sich vom Fenster zu lösen und mal eine große Runde durch den Raum zu drehen. Oft fliegen sie direkt danach durch die offene Tür wieder nach draußen.

Vielleicht ist es Zufall.
Ich mag aber den Gedanken, dass es ihnen gelingt, weil sie es geschafft haben, ihren Blick zu weiten, sie Situation aus einer anderen Perspektive zu sehen und sich von ihrer Überzeugung zu lösen.

Wo holst Du Dir aufgrund von festsitzenden Überzeugungen noch regelmäßig eine blutige Nase? Läufst mit engem Blick immer wieder gegen die selbe Wand und übersiehst, dass die offene Tür nur einen Meter entfernt ist?

Lass uns schlauer sein als die Fliegen an unserem Fenster.

Eine perspektivreiche Woche Dir!

Deine Birgit

Schwellenangst

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Und plötzlich ist sie da, diese Enge, diese Beklommenheit. Von jetzt auf nachher. Du weißt gar nicht, wo sie herkommt. Mitten in einem wundervollen Erlebnis, eben noch total begeistert, voller positiver Energie, mit Leichtigkeit, Zuversicht und voll in Deiner Kraft zu neuen Ufern gestürmt – merkst Du plötzlich, dass Dich etwas bremst, merkst Du, wie Du verkrampfst.
Zweifel kommen auf.

Die Angst klopft an.

An dieser Stelle schnappen wir oft und gerne wieder zurück und denken „Ja, wenn es sich plötzlich so übel anfühlt, habe ich mich wohl getäuscht, dann ist das wohl doch nichts.“
Wir lassen die Angst ans Steuer und kehren brav zurück auf bekanntes Terrain, wie ein kleines Kind, das „zur Vernunft gebracht wurde“. „Ja stimmt, war eigentlich ne blöde Idee …“

Beispiele gibt es viele:

Du verstehst es nicht!…
Du wolltest diesen Job, die perfekte Möglichkeit, Dich weiterzuentwickeln – und eine super Passung für Deine Talente und Erfahrungen. Du hast im Bewerbungsprozess alles gegeben, überzeugt davon, dass Du es wuppst. Du hast ihn bekommen, den Job – und nun stehst Du vor Deinem ersten großen Projekt und bekommst weiche Knie, fühlst Dich überwältigt. Du beginnst, Dich zu fragen, ob Du Dich überschätzt hast, ob es das Richtig ist …

Jahrelang hast Du gehofft, dass Du ihm eines Tages begegnest – dem einen Menschen, mit dem Du Dich verbunden fühlst, mit dem Du durchs Leben gehen möchtest. Und nun steht er/sie vor Dir und  Du kannst es kaum fassen – es fühlt sich genauso an, wie Du es Dir immer vorgestellt hast! Es ist unbeschreiblich, es ist wundervoll — und plötzlich ist da diese Panik. Du kapierst es nicht…

Angst ist spannend, vielschichtig und wichtig. Ich bin der Meinung, wir machen sie uns noch immer viel zu wenig zu Nutze.
Sie ist eine der Emotionen, die wir am liebsten vermeiden wollen. Und wenn es uns dann trotz aller Kontrolle, Vorsorge und Abwägung nicht gelungen ist, stehen wir vor ihr wie Rehe im Scheinwerferlicht. Total gelähmt. Können es kaum aushalten (haben ja auch nicht so viel Übung darin). Wollen, dass sie wieder verschwindet. Schnell.
Aber sie wird weder schnell verschwinden noch fort bleiben.
Sie wird immer wieder kommen, so lange, bis wir lernen, mit ihr in Dialog zu gehen. Denn wie alle Emotionen ist auch die Angst ein wichtiger Anzeiger mit verschiedenen Funktionen. Ihre Hauptaufgabe ist wohl, uns zu schützen, davor zu bewahren, etwas zu tun, was uns schaden könnte. Auf sie zu hören kann manchmal lebensrettend sein.
Im Prinzip sind Ihre Begrüßungsworte meist:
„Das hatten wir schon, lass die Finger davon, das hat letztes Mal weh getan.“ oder: „Achtung! Wir betreten unbekanntes Gebiet. Keine Erfahrungswerte. Das ist neu, ich kann Dir nicht helfen! Risiko!!“

Ich möchte Dich dazu einladen, über ihre Begrüßung hinaus zuzuhören. Sie willkommen zu heißen, ihr Fragen zu stellen. Sie hat so viel zu sagen!
Lass sie rein – wenn Du sie ignorierst, wird ihre Empörung sie lauter werden lassen. Lade sie ein, halte sie aus, hör ihr zu – aber übergib ihr nicht das Steuer. Und halte es für möglich, dass sie hier und da vielleicht ein bisschen übertreibt in ihren Schilderungen. Sie ist eine kleine Dramaqueen, die Dich nur schützen will.

Und dann freue Dich – denn wenn sie da ist bedeutet es auch: Du stehst an einer Schwelle!
Ende der Komfortzone.
Es gibt eine Möglichkeit, Dich weiter zu entwickeln. Mit alten Vorurteilen aufzuräumen oder Deinem Fundus neue Erfahrungswerte hinzuzufügen – wenn es Dir gelingt, Klarheit zu erlangen, warum sie da ist und wo die „Verkrampfung“ herkommt.

Zum Abschluss vielleicht noch ein Bild:

Ich fahre Motorrad. Das Coolste am Motorradfahren sind die Kurven. Und wenn Du die Strecke nicht kennst, ist jede Kurve ein neues Erlebnis – aber natürlich auch ein gewisses Risiko.
Wenn Du Glück hast, gibt es vor der Kurve Schilder oder Kurvenmarkierungen, die Hinweise auf die Kurvenführung geben. Aber eben nur Hinweise. Die Schilder sind immer die selben – und können der Unterschiedlichkeit der Kurven nicht gerecht werden!
Ich habe schon wegen Schildern vor Kurven gebremst – um dann in der Kurve zu denken „Warum stand da dieses Schild?“. Während ich in andere reingefahren bin, den kalten Schweiß auf der Stirn und denkend: „Da wäre das Schild jetzt mal angemessen gewesen!“

Deine Angst ist wie so ein Verkehrsschild: Ein Hinweis, der nichts über die bevorstehende Situation aussagen kann – sondern nur über Deine Vergangenheit.
Nimm es war – aber bleib nicht davor stehen. Nimm es ernst, atme durch, bleib locker, fahr weiter und wende Deinen Blick der Straße zu, der Realität, wie sie sich Dir zu Füßen legt – und sei offen, zu einer anderen Einschätzung zu kommen als Dein Warnschild.
Nur so wirst Du in Zukunft die Vielfalt der Kurven – und Erfahrungen im Leben – genießen können.

Gute Fahrt!

Deine Birgit  

Wer hat nur dieses Erwachsenwerden erfunden?

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Ist schon irgendwie komisch.
Wenn ich  Trainings oder Seminare konzipiere, bei dem es darum geht, kreativ zu sein, ist die größte Aufgabe erst einmal, unser Gehirn in einen „verrückten“ Zustand zu bringen  — damit unkonventionelle Gedanken und Ideen überhaupt Lust haben, sich zu zeigen.
Und regelmäßig entdecke ich dabei, wie sehr wir doch unseren Freigeist in ein Korsett aus Vernunft und Konventionen gepackt haben. Manchmal finden wir nicht einmal mehr den Knopf, um es zu öffnen!

Wer Kinder hat, weiß um den Zauber, die Welt durch Kinderaugen zu sehen. Naiv, neugierig, verspielt, verrückt – fasziniert von Dingen, die wir später nicht mehr annähernd so wahrnehmen können, weil wir sie analysiert, seziert und erklärt haben. Faszination Ende.
Weil wir gesagt bekommen, wie die Welt funktioniert und was „man macht und was nicht.“
Wenn es uns dann nicht gelingt, ab und zu aus diesem Rahmen auszubrechen, werden wir immer wieder mit den selben Lösungen vor den selben Problemen stehen — egal wie sehr wir uns auch anstrengen.
Denn Anstrengung oder „mehr vom selben“ ist oft nicht die Lösung.
Besonders in verrückten Zeiten wie diesen werden wir mit Schablonendenken nicht weiterkommen.
Wir wäre es, wenn wir uns ein bisschen kindliche Verrücktheit bewahren?
Sie kultivieren?
Sie genießen?
Das lässt einen nämlich nicht nur auf neue Ideen kommen sondern macht obendrein auch noch glücklich und lebendig.

Wann hast Du das letzte Mal das Gefühl gehabt, das Leben zu spüren? Von ihm durchdrungen zu werden – mit allem Konsequenzen?
Wann hast Du Dich das letzte Mal so richtig locker gemacht?
Etwas getan, worauf Du Lust hast – egal, ob „man“ das macht oder es vernünftig ist?
Deinen Gefühlen freien Lauf gelassen (bist Du noch in Kontakt mit ihnen?) – losgelassen.

Dabei geht es nicht darum, rücksichtslos Dein Ding durchzuziehen, dauerhaft verrückt zu spielen oder Dinge aus Prinzip anders machen zu wollen (auch eine Schablone …).
Es geht um eine Prise Übermut und Ausgelassenheit in der Suppe des Lebens.

Ja, iss doch mal mit den Fingern.
Oder mach die Gartenarbeit mal ohne Handschuhe, spüre die Erde, rieche sie.
Lass einen lauten Freudenschrei los, springe, tanze, singe! (Natürlich in der Öffentlichkeit :-))
Tue fremden Menschen einfach spontan etwas Gutes – hinterlasse z.B. beim Bäcker zwei Euro mehr – für den nächsten Kunden.
Oder pack Dir Musik auf die Ohren und singe laut mit.
Ziehe zwei verschiedene Paar Schuhe oder Socken an – einfach, weil Du Dich nicht entscheiden konntest – oder geh barfuß.
Besetze die Schaukeln auf dem Kinderspielplatz, lass den Schirm bei Regen zuhause ….

Oder wie sieht Deine Ausgelassenheit aus?
Da fällt Dir doch bestimmt was ein!
Höre in Dich rein.
Sei spontan.
Und dann staune, was mit Dir passiert.

Ja, Du wirst ziemlich sicher komisch angeschaut – na und?
Wenn Du mit vollem Herzen dabei bist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Du andere ebenfalls zum Leben anstiftest 🙂

Und falls Du merkst, dass Dir der Kontakt zu Deinen Emotionen vor lauter Kontrolliertheit, Vernunft und sozialer Angepaßtheit verloren gegangen ist, versuche es mal hiermit:
Halte mehrmals am Tag kurz inne und spüre in Dich hinein. Versuche, zu beschreiben, wie es Dir geht, was Du fühlst. Sprich es aus.
Und falls es ein unangenehmes Gefühl ist, nimm es an und dann benenne, was Du gerne anstelle dessen fühlen würdest.
Das ist ein Anfang.

Warte nicht damit, das Leben zu spüren, zu geniessen zu leben. Nachgewiesenermaßen sagen die meisten Menschen auf dem Sterbebett, dass sie nicht bereuen, was sie gemacht haben – sondern, was sie nicht gemacht haben.

Wäre doch schade, wenn wir schon aufhören zu leben, bevor wir tot sind, oder?

Eine verrückte Woche Dir – genieße Sie !

Deine Birgit

Wieviel brauchst Du wirklich?

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Wir können uns glücklich schätzen.
Wir haben so ziemlich alles so ziemlich sofort zur Verfügung.
Nicht nur Dinge, die lebensnotwendig sind, wie Wasser und Nahrungsmittel. Auch alles andere. Und wenn es der Laden um die Ecke nicht hat, bestelle ich es halt im Internet.
Und meistens gibt’s dann nicht nur eine Variante.
Neulich stand ich vor dem Kühlregal einer größeren Supermarkt-Kette und wollte eigentlich nur einen Liter Vollmilch kaufen – und hatte die Auswahl zwischen sage und schreibe 8 verschiedenen Sorten.
Wer da nicht schon von vornherein weiß, was er will, verbringt länger mit dem Kauf von einem Liter Milch als es gedauert hat, sie zu melken 😉

Ist mehr also immer gut?

Mehr Auswahl haben, bedeutet, mehr Entscheidungen zu treffen.
Um gute Entscheidungen zu treffen, brauche ich mehr Informationen.
Um mehr Informationen zu bekommen, brauche ich mehr Zeit.
(Ich kann natürlich auch einfach ins Blaue greifen oder der Konsumberatung folgen- die freut sich ;-))

Mehr Dinge haben hat oft ähnliche Folgen.

Mehr haben heißt sich um mehr kümmern zu müssen.
Mehr putzen, mehr Instand halten, mehr versorgen.
Mehr Zeit investieren.
Einen schönen Garten zu haben ist wunderbar. Es heißt aber auch regelmäßige Gartenarbeit. Oder noch mehr zu brauchen – nämlich einen Gärtner.
Dann muss ich mich nicht mehr um den Garten kümmern, aber darum, dass ich den Gärtner bezahlen kann – und vielleicht habe ich dann weniger Zeit, im Garten zu sitzen?
Je mehr ich mir leisten möchte oder mir leiste, umso mehr muss ich leisten.

Bedeutet viel haben zu können dann tatsächlich mehr Freiheit?

Ich bin kürzlich umgezogen.
Bei so einem Umzug wandert in der Regel alles, was man hat, nochmal durch die eigenen Hände.
Ich dachte, ich hätte nicht viel „Zeugs“ – war aber dann doch erstaunt, wie oft ich mir die Fragen „brauche ich das noch?“ und „soll das mit umziehen?“ gestellt habe. Und stolz auf mich, wie oft ich sie Nein beantwortet habe.
Ja, der Moment des Loslassens ist seltsam – aber danach fühlte ich mich so viel freier und leichter.
Ebenso mit den Möbeln in meiner neuen Wohnung. Es ist noch nicht alles eingerichtet und ich stelle mir nun die Frage: wieviel Möbelstücke brauche ich eigentlich wirklich?
Was, wenn ich einfach mal mehr Raum lasse?

Raum ist in meinen Augen heutzutage genauso Luxus geworden, wie Zeit.
Also, lass uns dafür sorgen, dass wir unserem Leben mehr Raum und Zeit geben.
Einfachheit im Außen macht auch den Kopf frei.
Es ist noch kein Meisterwerk auf einer bereist vollgekritzelten Leinwand entstanden.

Wo in Deiner Wohnung (oder Deinem Leben) könntest Du ausmisten oder Dich von etwas trennen, um Dich leichter zu fühlen? Um Raum zu schaffen?

Gibt es da dieses Regal im Keller …?
Oder noch Bücher aus dem Studium …?
Oder den „brauche-ich-vielleicht-nochmal-Schrank“?

Man kann sich übrigens auch von Gewohnheiten, Gedanken oder Menschen verabschieden, die einem nicht gut tun.

Weniger ist mehr.
Geh’s an.
Und wenn Du die passende Musik dazu brauchst: Hier der Song zum Blog Eintrag:

Silbermond «Leichtes Gepäck» – SRF 3 Live Session

Und dann genieße die Leichtigkeit mit den verbleibenden 1% – und den Freiraum, den Du für Neues geschaffen hast.

Denn wie sagte eine liebe Freundin neulich zu mir:
„Wo kein Platz zum Wachsen ist, da kann nichts gedeihen.“

Einen leichten Sonntag Dir.

Deine Birgit

Wollen müssen

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Wir alle haben in den letzten Monaten ganz schön viel wollen gemusst.  Klingt wie ein Widerspruch?

Im Ernst, ist es nicht erstaunlich, was plötzlich alles möglich ist, was wir zu bewegen in der Lage sind, wenn wir scheinbar wollen müssen?
Wenn wir uns plötzlich in Situationen wiederfinden, die all das, was uns gebremst hat von bedeutungsschwer in irrelevant umwandeln?
Wenn wir statt „eigentlich-aber“ Sätzen „jetzt aber!“ sagen und aus „wenn-dann“ „wann?“ wird?

Was ich meine?

  • Monatelang haben manche Firmen versucht, Homeoffice oder Telearbeit einzuführen. Und dann kam Covid19 – und zack, ging es in vier Wochen.
  • Jedes Jahr auf’s neue nimmst Du Dir vor, Dich gesünder zu ernähren – mit mäßigem Erfolg. Und dann bespricht Dein Arzt mit Dir das Ergebins Deiner letzten Untersuchung und die gesundheitlichen Folgen, wenn Du nix änderst – und zack … mehr gesundes auf dem Speiseplan.
  • Monatelang nimmst Du Dir vor, die Familie regelmäßiger zu besuchen – aber wann nur?? Und dann gibt es da diesen Todesfall – und zack, plötzlich ist Zeit da.

Warum in Zukunft nicht einfach machen, so mit richtig Wollen, bevor aus dem „eigentlich wollte ich“ ein „hätte ich mal“ wird? Das schafft Klarheit und spart Energie und Lebenszeit. (Hätte-Hätte zieht uns nämlich ganz schön runter).

Aber was bremst uns eigentlich, warum ist es so schwer bevor es leicht sein muss?

  • Wir wollen nicht wirklich. Es ist uns in Wahrheit nicht wichtig genug – oft weil uns etwas anderes  noch wichtiger ist. Manchmal ist uns das nicht gleich bewusst, vielleicht wollen wir es auch nicht zugeben oder wahrhaben …. dass wir z.B. Geselligkeit und Treffen mit Freunden wertvoller finden als die morgendliche Joggingrunde. Also? Steh dazu und mach aus dem „eigentlich sollte ich Laufen gehen“ ein „jetzt sind meine Freunde wichtig.“
  • Wir meinen, zu müssen. Und zwar nicht aus uns selbst heraus, sondern weil wir vermuten, dass es von uns erwartet wird. Da gibt es diese „Norm“, dieses NORMal, so einen gesellschaftlichen Standard. Wenn Du Dich innerlich Sätze sagen hörst wie „das macht man halt so/nicht“ dann frag Dich mal, wer ist eigentlich diese/r MAN? Und was machst DU? Es ist Deine Entscheidung – willst Du ein NORMales Leben leben und Dich am Ende vielleicht in einer Situation wiederfinden, in die Du so nie wolltest oder willst Du DEIN Leben leben? (Das ist übrigens das mit möglichst wenig „hätte ich mal“ Sätzen am Ende.)
  • Wir haben Bedenken. Offene oder versteckte. Versteckte Bedenken kommen manchmal als Vorurteile daher – um im Sport-Beispiel zu bleiben könntest Du unterbewusst vielleicht der Überzeugung sein, dass die ganzen Sportfreaks doch alle total angespannt sind = „Wenn ich Sport mache, werde ich so ein angespannter Zeitgenosse.“ Falls Dir das bewusst wird, ist das schon ein guter Schritt in die richtige Richtung. Dann, Bedenken parken und einfach mal machen. Mit offenem Ausgang. Mutig sein (ohne Leichtsinn) – vielleicht wirst Du ja der/die erste total lockere sportliche/r Zeitgenosse/in? 😉
  • Wir wollen es richtig machen – oder gar nicht. Auch Perfektionismus genannt. Wir meinen, uns in alle Richtungen absichern zu müssen, alles in Betracht ziehen, auf alles vorbereitet zu sein. Dazu fallen mir nur zwei Sprüche ein: 1. Kontrolle ist eine Illusion und 2. Start before your are ready. Je leichter Dein Gepäck ist, wenn Du loslegst, desto mehr Platz ist, um auf dem Weg wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse einzupacken!

Also, welche „eigentlich-aber-Sätze“ gibt es auf Deiner Liste? Aus welchem möchtest Du in nächster Zeit ein „aber jetzt!“ machen?

Deine Birgit

PS: Falls Du eine Löffelliste hast (= eine Liste der Dinge, die Du unbedingt gemacht haben möchtest, bevor Du den Löffel abgibst) — die ist ein guter Start!

Mut zur Frage

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Wenn wir Menschen eines nicht so gut aushalten können, dann ist es Ungewissheit.
Von Natur aus versucht unser inneres System immer wieder zur Stabilität zurückzukehren, „Unwuchten“ auszubalancieren. D.h. offene Angelegenheiten zum Abschluss bringen, in unklare Angelegenheiten Klarheit bringen und von Ungewissheit zu Gewissheit – oder zumindest zu Wissen zu gelangen. Das schafft Sicherheit, ist wie ein Anker, an dem wir uns festhalten können und an dem wir unsere Entscheidungen aufhängen.

Nur ist das nicht immer so einfach. „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, tönte es bereits in der Antike. Und nicht einmal die Wissenschaft hat Gewissheit und alle Antworten – wie wir aktuell am Thema Corona täglich mitverfolgen können.
Und das ist auch gut und richtig so. Wissenschaft hat nämlich nichts mit „alles schon wissen“ zu tun, sondern mit forschen. Es geht nicht darum, auf alles bereits eine Antwort zu haben sondern auf Basis von Fakten Annahmen anzustellen und diese dann durch das Stellen der richtigen Fragen zu überprüfen.
Und sie wieder zu verwerfen, wenn sie falsch waren.
Und sich das einzugestehen.
Und mit der dann noch immer oder wieder vorhandenen Ungewissheit leben zu können. Sie anzunehmen und wieder von vorne zu beginnen.
Also ein hochdynamischer Prozess.
Soviel zur Wissenschaft.

Nun zurück ins wahre Leben – wo es uns leider nicht immer so gut gelingt, den eben beschriebenen Lern-Kreislauf am Laufen zu halten.
Schnell soll es gehen mit der Lösung und der Bedürfnisbefriedigung. Also greifen wir gerne zu den üblichen „Quick Fixes“:
Wir gelangen zu unserer Erkenntnis, indem wir …

  • uns die Erklärungen selber stricken und ausdenken (Lücken in den Fakten selber füllen)
  • auf Erklärungen von anderen zurückgreifen (Presse, Social Media, Freunde)
  • unsere Schlussfolgerungen einzig und allein auf Basis unserer eigenen Erfahrungen ziehen.

Wie erklären uns die Realität – oder das, was wir für die Realität halten – stets so, dass sie in unser mentales Narrativ passt.

„Die Realität ist eine Illusion – wenn auch eine sehr hartnäckige. „
Albert Einstein

(Wenn Du Fabeln und Analogien liebst, schau an dieser Stelle doch mal nach der Geschichte von den Fünf Gelehrten und dem Elefanten; wenn Du eher der wissenschaftliche Typ bist, hier ein Buchtipp: Schnelles Denken, Langsames Denken)

Im Kleinen sind diese Quick Fixes nicht schlimm, manchmal ist schnelles Denken sogar notwendig – laut Hirnforschung müssen wir schließlich ca. 20.000 Entscheidungen am Tag treffen.
Dauerhaft angewandt können sie aber zu Überzeugungen und Gewissheiten führen, die uns im Weg stehen. Die verhindern, dass wir weiterkommen. Weil wir sie nicht hinterfragen. Weil wir uns immer nur in unserer Realität bewegen und so bei der Problemlösung immer wieder an der selben Stelle rauskommen.

Je tiefer er Anker unserer Überzeugung im Sand steckt, desto schwerer lässt sich der Kurs unseres Bootes ändern, wenn der Wind sich dreht.

Also, wie steht es um Deinen Forscherdrang?
Was glaubst Du zu wissen, wovon bist Du überzeugt – und wie bist Du zu dieser Gewissheit und diesen Überzeugungen gelangt?
Durch (Vor-)annahmen? – „Ich dachte, dass …“ / „Damit soll bestimmt …“ / „Wahrscheinlich wollen die …“
Durch Schlussfolgerungen? – „Wenn sich einer so verhält, dann ..“ / „Das kenn ich schon, …“
Basieren Deine Erkenntnisse auf unüberprüften Vermutungen oder auf validierten Annahmen?
Fragst Du nach?
Auch wenn es zu unangenehmen Antworten führen könnte?
Wen fragst Du? Betroffene oder Dritte?
Was fragst Du? Was Du bestätigt haben willst oder was Du wissen willst?
Wie fragst Du? Suggestiv-rhetorisch oder offen?
Wie gehst Du mit überraschenden Antworten um?
Bist Du dankbar für Erkenntnis und Offenheit oder ungläubig?
Und selbst wenn Fragen nicht möglich sind oder nicht zur Gewissheit führen, hältst Du es aus?
Oder greifst Du dann doch zum Quick Fix?
Traue Dich, zu fragen und zu hinterfragen.
Was Du hörst, was man Dir erzählt, was Du wahrnimmst – aber vor allem, was Du schlussfolgerst.
Wage es, Deine eigenen Annahmen in Frage zu stellen.
Wann immer möglich, frage direkt nach. Geht besonders gut bei Annahmen über Personen und ihre Verhaltensweisen.
Sprich mit Menschen, nicht über sie.
Und wenn es nicht möglich ist, Deine Annahmen zu überprüfen, bleib bescheiden. Wisse, dass Du wahrscheinlich nicht weißt.
Halte diese Grauzone aus.
Binäres Beurteilen fühlt sich zwar leichter an, bringt Dich aber nicht weiter.

„Solange man Helden oder Schuldige braucht, um eine Situation oder ein Problem plausibel zu erklären, hat man sie noch nicht verstanden.“
Gerhard Wohland

Wo könntest Du kommende Woche mal von Erklärmodus und Fragemodus schalten?
Welchen blockierenden Annahmen könntest Du  mal mutig durch Fragen und Forscherdrang auf den Grund gehen und vielleicht sogar sprengen?

Hab Mut zur Frage und lass Dich überraschen!

Deine Birgit

Karriere geht nicht alleine

Foto: Pixabay

Vielleicht wunderst Du Dich, warum ich mich diese Woche dem Thema Karriere  widme. Ganz einfach: Unsere Arbeit ist maßgeblich an unserem Wohlbefinden beteiligt. Wenn alles gut läuft, ermöglicht Sie uns Erfolgserlebnisse und das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Sie fordert und fördert uns, passt zu unseren Talenten und Werten und vermittelt uns einen Sinn.
All das trägt zu unserer Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Motivation bei.
Was fehlt, wenn die Arbeit fehlt, wird zur Zeit manchem wahrscheinlich schmerzlich bewusst. Und die wirtschaftlichen Zukunftsprognosen, die aktuell zu lesen und zu hören sind, stimmen wenig zuversichtlich.
Was hat also das Thema Karriere zu suchen in einer Zeit, in der die Arbeitslosenquoten Schlagzeilen machen?
Eine Menge!

Niemand weiß, wie die Zukunft wirklich aussehen wird. Klar ist aber: je bewusster Du Dir bist, wer genau Du bist, was Dich auszeichnet, was Du beitragen kannst, was Du erreichen willst – und wie Du dem näher kommst, umso schneller und besser findest Du (D)einen Platz in der neuen Realität.

„Wenn wir uns nur damit beschäftigen, welche Fähigkeiten heute wichtig sind, werden wir morgen mit den Kompetenzen von gestern ausgestattet sein.“

Es ist also die beste Zeit für eine Art Bestandsaufnahme in Punkto Job.
Dazu gehört u.a., Antworten auf verschiedene Fragen zu finden, wie z.B. „Welche Rolle spielt die Arbeit in meinem Leben?“, „Was kann ich besonders gut?“, „Worauf möchte ich gerne verzichten?“, „Was ist mir wichtig?“, „Was bereitet mir Freude?“, „Worauf möchte ich am Ende zurückblicken können“ oder „In welchem Arbeitsumfeld fühle ich mich wohl?“

Perfekt lässt sich die Zeit auch dafür nutzen, Dein berufliches Netzwerk mal unter die Lupe zu nehmen und gegebenenfalls zu erweitern. Keiner ist alleine erfolgreich – und je vielfältiger Dein Netzwerk ist, desto wertvoller für Deine berufliche Entwicklung.

Schau doch mal, ob unter Deinen Kontakten Personen zu finden sind, die sich einer oder mehreren der unten genannten Kategorien zuordnen lassen.
Am besten nimmst Du Dir ein Blatt Papier und notierst Dir unter jedem Personenkreis Namen, die Du zuordnen würdest. So hast Du recht schnell ein klares Bild, an welcher Stelle Dein Netzwerk noch ergänzt werden sollte.

Schaubild: Birgit Baldauf

Voraussetzung, bevor Du mit den Personen in Kontakt trittst ist, dass Du bereits Klarheit über Dich und Deine Ziele erlangt hast. Um die verschiedenen Karriereförderer besser erklären zu können, gehen wir mal davon aus, Du möchtest als Koch/Köchin erfolgreich sein.

Coaches: Sind keine Experten auf Deinem angestrebten Gebiet – aber Profis darin, Dir zur richtigen Zeit die richtigen Fragen zu stellen. Oft kannst Du ihre Unterstützung „punktuell“ in Anspruch nehmen – wenn Du Dich z.B. gedanklich im Kreis drehst oder an Dir zweifelst. Ein guter Coach verfügt über ausreichend Methodenvielfalt und hilft Dir, selbst die Antwort auf Deine Fragen oder den nächsten Schritt herauszufinden. Er regt Deine Selbstreflexion an und hilft Dir so, Dir selbst zu helfen. Eine Verbindung zu einem Coach ist in der Regel lösungs- und leistungsorientiert.

Mentoren: Sind in der Regel erfahrener als Du auf dem Gebiet für das Du Dich interessierst. Vor allem aber sind sie Experten in wichtigen, übertragbaren Kompetenzen (Soft Skills). Sie haben die Fähigkeit, Dich zu leiten, zu beraten, zu ermutigen und verantwortlich zu halten. Sie kennen Dich gut und und verstehen Dich, Deine Beweggründe und eventuelle Stolperfallen auf Deinem Weg. Eine Verbindung zu einem Mentor ist beziehungsorientiert und dauert oft ein Leben lang an.

Sponsoren: Vielleicht denkst Du jetzt an Werbeverträge? Und so falsch liegst Du damit gar nicht. Sponsoren sind Ermöglicher. Sie teilen ihr Wissen, stellen Verbindungen her, bringen Dich ins Gespräch (machen für Dich Werbung bei den „richtigen“ Leuten) und bieten Dir Möglichkeiten. Der Sponsor ist nicht der Starkoch sondern die Person, der das Restaurant oder das Hotel gehört, in dem der Starkoch sich austoben kann.

Experten: Die Fachmänner und Fachfrauen der Theorie. Sie sind wandelnde Lexika auf ihrem Gebiet, lieben Ihr Ressort und fordern Dich heraus, durch kontinuierliches Lernen Deine Fachkenntnisse auf dem Laufenden zu halten. Sie sind Deine Lehrerinnen und Lehrer.

Profis: Sie sind Dein leuchtendes Vorbild – dort wo sie sind, willst Du auch hin! Es ist der Starkoch oder eine Sterneköchin, die Meister darin sind, ihrer Kompetenz im Handeln eine eigene Note zu verleihen. Was Du lernen kannst: wie man das Wissen der Experten erfolgreich anwendet – und seine eigene Marke entwickelt. Experten sind erfahren und kennen und studieren kontinuierlich ihre Mitbewerber und den Markt – und lernen daraus.

Kollegen: Aktuelle oder zukünftige. Sind da, wo Du jetzt bist oder wo Du als nächstes wärst. Sie können Dir entweder wertvolles Feedback zu Deinen Stärken und Entwicklungsfeldern sowie Deinem beruflichen Ich und Deiner Wirkung auf andere geben. Oder sie sind die, die Du fragen kannst, wie Deine zukünftige Arbeit sich anfühlt und erlebt wird – z.B. in verschiedenen Küchen (Sternegastronomie, Kantine, Hotel, Krankenhaus …).

Gute Freunde: Kennen Dich persönlich und teilen Deine Werte. Wissen um Deine tieferen Beweggründe und Hemmnisse – und trauen sich auch, Tacheles zu reden und Dir ungeschöntes Feedback zu geben.

Und, wir schaut Deine Liste aus?
Mit wem möchtest Du in der kommenden Woche Kontakt aufnehmen?

Viel Erfolg beim Netzwerken!

Deine Birgit