Dein innerer Antreiber

Es gibt Tage, an denen ist meine To Do Liste ellenlang – und am Ende des Tages habe ich mit Leichtigkeit viel erreicht und fühle mich gut. Und dann gibt es diese Tage, an denen ich mir selbst im Weg zu stehen scheine. Eigentlich habe ich gar nicht so viel zu erledigen, und trotzdem fühle ich mich irgendwie gestresst. Da kommt die Frage auf: wie viel von meinem Stress mache ich mir eigentlich selber? Woher kommen eigentlich die Erwartungen, die ich an mich und meine Arbeit habe? Sind sie so in der Form tatsächlich von Kollegen oder meinem Chef geäußert worden oder sind es meine eigenen, mit denen ich mir da Druck mache?

Für mich kann ich diese Fragen ganz klar beantworten: in den meisten Fällen setze ich mich selbst unter Druck. Mit meinem Anspruch an meinen Einsatz und die Qualität meiner Arbeit. Ich fühle mich wie getrieben, von innen heraus. Mein „innerer Disziplinator“, wie ich ihn liebevoll nenne, ist dann wieder voll in seinem Element.

Die Psychologie nennt diesen Disziplinator „inneren Antreiber“. Innere Antreiber sind Überzeugungen, die wir im Laufe unserer Entwicklung – meist bereits im Kindesalter – etabliert haben. Genauer gesagt haben wir diese Überzeugungen aber nicht als Antreiber gelernt, sondern sie als positive Eigenschaften entdeckt, die dazu führten, dass wir geliebt und anerkannt wurden, wenn wir sie zeigten. Es handelt sich um Eigenschaften wie

  1. Genauigkeit
  2. Freundlichkeit
  3. Durchhaltevermögen
  4. Unabhängigkeit
  5. Schnelligkeit

Wenn wir diesen Eigenschaften eine „gesunde“ Bedeutung beimessen, sind sie hilfreiche Motivatoren. Problematisch wird es allerdings, wenn wir unseren Selbstwert an sie koppeln, d.h. wenn wir uns schlecht fühlen, wenn wir sie einmal nicht zeigen konnten. Dann werden diese Eigenschaften zu den sogenannten inneren Antreibern:

  1. Sei perfekt! = Ich darf keine Fehler machen
  2. Mach es allen recht! = Ich bin nur wertvoll, wenn alle mit mir zufrieden sind
  3. Streng Dich an! = Ohne Fleiß kein Preis.
  4. Sei stark! = Indianer kennen keinen Schmerz!
  5. Beeil Dich! = Ich muss schnell sein, sonst werde ich nicht fertig

In dieser Ausprägung stehen uns unsere Überzeugungen im Weg, setzen uns unter Druck und Stress und verhindern paradoxerweise so, dass wir ihnen gerecht werden können. Manchmal ist es auch andersherum: gerade unter Stress laufen wir Gefahr, dass aus einer gut gemeinten Absicht (z.B. etwas möglichst schnell zu erledigen) ein innerer Antreiber wird.

Stell Dir z.B. vor, Dir ist Genauigkeit wichtig. Du hast gerade einen neuen Job angenommen und sitzt an einem Projekt, dass Dir Dein Chef anvertraut hat. Du kannst jetzt alles nach bestem Wissen und Gewissen erledigen, nachfragen wo nötig – und dann das beste Ergebnis liefern, das Dir unter den gegebenen Umständen möglich ist. Oder aber Du gibst Dich damit nicht zufrieden. Es treibt Dich um, dass Du keinen Fehler machen möchtest, weswegen Du wieder und wieder nachfragst, nachbesserst, überlegst. Es fallen Dir immer neue Aspekte ein, die Du berücksichtigen könntest – Du möchtest ja einen guten Eindruck machen – und schließlich kommst Du gar nicht oder erst sehr spät ins Handeln.

Woran merkst Du, ob aus einer Eigenschaft mit guten Absichten ein innerer Antreiber wird?

Wenn Du Dich in einer Situation unter Druck fühlst, überprüfe, woher der Druck kommt. Fühlst Du Dich innerlich getrieben, die von Dir als wichtig erachtete Eigenschaft zu erfüllen? Oder kannst Du mit gutem Gefühl frei steuern, inwiefern Du sie erfüllen möchtest? Kannst Du z.B. ohne schlechtes Gewissen auch einmal nein sagen? Oder eben mal nicht freundlich lächeln – weil Dir nicht danach ist? Oder mal Fünfe gerade sein lassen und 80% für perfekt genug halten?

Wenn Du Dich wiederholt von Deinem inneren Antreiber unter Druck gesetzt fühlst, ist es an der Zeit, mit ihm in den Dialog zu gehen. Denke dran: Du selbst hast diesen Druck erschaffen, also kannst auch nur Du ihn auflösen – z.B. indem Du sogenannte Erlaubersätze für Dich formulierst. Diese sind der Gegenpol zum inneren Antreiber. Für „ich muß perfekt sein“ kann das z.B. „Fehler sind Lernchancen“ oder „80% sind auch in Ordnung“ sein. (Zu letzterem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die restlichen 20% im Ergebnis meistens keinen wahrnehmbaren Unterschied mehr machen. Oft werden Deine 80% von anderen als 100% angesehen – probier’s doch mal aus, erleichtert ungemein.)

Wann immer Du Dich also vom inneren Antreiber gestresst fühlst, halte inne und gehe in Dialog mit ihm. Das kann z.B. so klingen:

„Lieber innerer Antreiber, ich weiß, dass du möchtest, dass ich mein Bestes gebe. Vielen Dank dafür! Mit Dir an meiner Seite bin ich weit gekommen. Im Moment aber übertreibst Du es und das stresst mich. Deswegen möchte ich Dir sagen, dass Du Dich jetzt mal zurücklehnen kannst, denn … (Erlaubersatz).“

Diesen Dialog kannst Du in Gedanken führen. Hilfreich ist es aber auch, wenn Du Dir Deine Erlaubersätze aufschreibst.

Was möchtest Du Dir zukünftig erlauben, um Erleichterung zu verspüren?

Herzlichst,

Deine Birgit

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